Klassische Musik auf dem Rückzug
Vom steten Rückzug der Klassik aus dem Musikhandel
Die klassische Musik ist ein Auslaufmodell. Wer da noch irgendwelche Zweifel hat, möge sich in einen Laden für Waschmaschinen, Rasierer, Computer, Stereoanlagen und CDs oder wahlweise Parfum, Schreibwaren, Katzenfutter und CDs begeben und in der CD-Abteilung nach klassischer Musik suchen. (Die reinen CD-Läden sind praktisch schon ausgestorben.) Aller Wahrscheinlichkeit nach muss man dort entweder nach dem Weg fragen oder mit höchster Aufmerksamkeit vorgehen. Typisch auch für große Märkte sind etwa zwei Regalmeter. Zieht man davon die unverwüstlichen Karajan-Aufnahmen in der fünften Nachpressung ab und die Werke solcher Interpreten, deren musikalische Verdienste zwischenzeitlich vom Personenkult oder vermarkteten Image verdeckt werden (also beispielsweise Andrea Bocelli, André Rieu, Luciano Pavarotti, Anne-Sophie Mutter und Anna Netrebko) dann bleibt ein kümmerlicher Rest von Billigaufnahmen, zart garniert mit ein paar Neuerscheinungen sowie CDs von Künstlern, die demnächst in der Gegend auftreten oder kürzlich aufgetreten sind. Aus unerfindlichen Gründen sind darunter zwar mehrere Aufnahmen von Beethovens neunter Sinfonie, aber exotischere Werke (etwa ein Streichquartett) oder gar exotischere Komponisten sucht man vergebens.
Ein Verkäufer gab unlängst zu, dass ihn als Klassikanhänger das selbst schmerze, der Anteil am Umsatz aber keine breitere Würdigung zulasse. Ich finde ja, dass die Märkte sich diese paar Klassik-CDs auch noch schenken könnten: mein Bedarf an Beethovens Neunter ist gedeckt und das ganze übrige Angebot lockt mich kein bisschen. Ob die Laufkundschaft, die schnell für die Oma noch etwas “Klassisches” sucht, fündig wird, sei dahin gestellt. Damit dreht sich die Abwärtsspirale zu noch weniger Umsatz und noch weniger Angebot schon weiter.
Ein einfacher Ausweg ist nicht in Sicht: Musikliebhaber möchten sich die Musik nicht einfach “nackt” herunterladen, also ohne Beiheft. Sei es, weil bei exotischen Komponisten die Wikipedia nicht über die Vornamen, Geburts- und Todesjahr hinausgeht, sei es, weil man zu einer Opernaufnahme die Besetzung studieren oder das passende Libretto mitverfolgen möchte ohne bei jedem gestrichenen Rezitativ in hektisches Blättern zu verfallen - es geht nicht ohne Beiheft. Bei Chandos und Hyperion kann man das manchmal immerhin schon separat herunterladen; da es aufgrund des Formats nicht einfach ausgedruckt werden kann, darf bezweifelt werden, ob es im kritischen Moment zur Hand ist.
So bleiben nur die Internet-Versender, aber das gute alte Stöbern ist durch noch so viele Lieblingslisten oder Hinweise wie “Käufer dieses Artikels bestellten auch…” nur bedingt zu ersetzen.
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