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Das Werner Icking Musikarchiv liegt darnieder
Nach IMSLP, die von Oktober 2007 bis Juli 2008 eine juristische bedingte Zwangspause eingelegt haben, hat es dieses Mal ein weiteres Notenportal erwischt: das Werner Icking Musikarchiv.
Das Musikarchiv, das als verlässliche Stütze während der Auszeit von IMSLP diente, hat nun selbst mit Problemen zu kämpfen. So wie der Text sich liest, leidet es an zu starker Nachfrage, so dass der eigentliche Zweck der Server, die Abteilung für Informatik der Universität Aarhus zu versorgen, gefährdet ist. Die Prognose ist ebenfalls düster. Soll es tatsächlich keine Organisation geben, die an tausenden von Downloads pro Tag interessiert ist und, notfalls für Einstreuen von Werbung, diese Aufgabe übernehmen mag? Es ist schon traurig, dass Klatschnachrichten, die schon morgen uninteressant sind, hundertfach feil geboten werden, während solche wichtigen Portale an übermäßiger Nachfrage eingehen. Fast liegt mir ja “Google hilf” auf der Zunge!
Olympia und der Medaillenspiegel - warum zählt Silber fast nicht?
Wie wirkt sich die Anzahl der jeweils errungenen Medaillen auf die Position im Medaillenspiegel aus?
Besonders viel kann ich dem Sport ja nicht abgewinnen, aber diesmal bin ich auf einen interessanten mathematischen Aspekt gestoßen. Alle Medien sind sich anscheinend einig (oder schreiben nur gedankenlos ab), dass beim Vergleich zweier Nationen zum Zweck der Rangbestimmung so vorgegangen wird (Mathematiker nennen so etwas eine Ordnung): Die Zahl der Goldmedaillen entscheidet; nur wenn diese gleich ist, guckt man sich die silbernen überhaupt noch an, analog wird mit Silber- und Bronzemedaillen verfahren. Das ist goldlastig und bevorzugt die Spitzenleistung, was ziemlich gut in die allgemeine gesellschaftliche Wahrnehmung passt: wer kennt denn schon den zweitbesten deutschen Basketballspieler? Andererseits ist im offiziellen Medaillenspiegel von Vancouver ja immerhin noch die Gesamtzahl der Medaillen angegeben; dieses andere Extrem, alle Medaillen als gleichwertig zu betrachten, ist vielleicht etwas zu einebnend, zeigt aber die deutliche Auswirkung der Entscheidung für eine Ordnung. Ich befürchte, dass die Ursache für die verwendete Ordnung ziemlich banal ist: In der alphabetischen Ordnung entscheidet der Buchstabe davor ebenfalls und nur bei Gleichstand guckt man im Wort weiter nach hinten. Nur: ob ein hypothetisches Land mit nur 30 Bronzemedaillen wirklich ein schlechteres Sportniveau hat, als eines, das mit welchem Glück auch immer, eine einzige Silbermedaille erringt, erscheint mir doch recht fraglich. Etwas fairer wäre ein Gewichtungsverfahren, das jede Medaillenart mit einem Faktor multipliziert, der natürlich für bessere Medaillen größer ausfällt und man über die Summe die Ordnung definiert. Ein paar Ideen dazu: jeweils zwei oder drei Medaillen einer Art zählen so viel wie die nächstbessere. Oder man legt die Prämien der Deutschen Sporthilfe zu Grunde: Gold: 15000, Silber: 10000, Bronze 7500 (hier Euro). In fast jedem dieser Verfahren würde Deutschland an Kanada vorbei ziehen, würde aber von den USA noch überholt…
Die Sucht nach mehr
Ein sprachlicher Defekt ist auf dem Vormarsch: die Sucht nach mehr greift bei der Benennung eines Ladens oder einer Firma um sich und zwar sowohl in deutscher als auch englischer Ausprägung. Über die Ursache dieses Phänomens darf gerätselt werden…

Ist es nur einfacher, ein Beispiel aus dem Angebot auszuwählen und “und mehr” anzukleben, als den passenden Oberbegriff aufzuspüren?
Oder soll es geheimnisvoller klingen, wenn man “Coffee and more” verkündet statt eines abgedroschenen “Kaffee & Kuchen”? Wobei seit geraumer Zeit die Leute in ein Café gehen und ungeniert Tee, Limo und andere Nichtkaffees bestellen; traut man das der Allgemeinheit heute nicht mehr zu? Hübsch ist auch die Vorstellung, dass jemand in einen fachfremden “und mehr”-Laden tritt und ungeniert nach einer Packung Edelstahl-Innensechskantschrauben fragt, worauf die Bedienung triumphierend unter die Theke greift und das Gewünschte hervor zieht.
Die Deutung des “mehr” ist beim Spielkasino ist es noch relativ einfach: hier wird das Verlieren kaschiert. Kniffliger sind die beiden Beispiele, die sich “und Meer” lesen. Ob sich hier zur Einfallsarmut noch ein Rechtschreibfehler gesellt? Oder sind über das sonstige Angebot hinaus doch vielleicht Ferienwohnungen an der See zu mieten?
Wenn der Mehrheitsdrang weiter anhält, hier noch einige Vorschläge für die Zukunft: Manche Kette von Kaffeeröstern müsste zwischenzeitlich ohnehin bei Sortierung nach Artikelanzahl „More & coffee“ heißen, der Metzger könnte unter „Wurst und mehr“ firmieren, eine Schnellrestaurant-Kette unter „Hamburger und mehr“, Banken dürfen sich, um der Finanzkrise zu trotzen, mit einem kostengünstigen aber ungemein stilvollen “Money & More” schmücken und die Geheimniskomponente lässt sich durch “More & more” steigern…
Modevokabular
Speziell Kleidungsstücke, aber auch häufig verwendete Artikel benötigen offenbar immer wieder neue Namen - ist das Abnutzung?
Jetzt, wo die Kaufhäuser wieder pfundweise Prospekte in die Tageszeitung legen lassen, ist es mir wieder aufgefallen: Bezeichnungen nutzen sich offenbar ab und müssen gelegentlich ausgetauscht werden. Ob “Unterhemden” je so bezeichnet waren, entzieht sich meiner Kenntnis, die erste Aufschrift, die ich gelesen habe, lautete “Sportjacken”, wurde zwischenzeitlich aber von “Tanktop” o. ä. verdrängt. “Kaschmir” beispielsweise ist eine Gegend, um die sich Indien und Pakistan immer wieder in die Wolle geraten und eben auch eine Wolle, aus der besonders edle Teile hergestellt werden. Die gibt es schon ziemlich lange, nur dürfen die jetzt nicht mehr die Materialangabe “Kaschmir” tragen, sondern das genau so wenig indisch anmutende “Cashmere”. In beiden Fällen geht es aber um praktisch unveränderte Dinge mit frischen Bezeichnungen.
Anders steht es bei DVDs mit aktuellen Filmen und Serien: da haben Verkaufsstrategen erst vor vergleichsweise kurzer Zeit festgestellt, dass ein teurer anmutender Einband einen Unterschied machen könnte. Jetzt packt man die Scheiben in Blechdosen, die “Steel book” heißen, obwohl sie weder aus Stahl sind, noch mit einem Buch sehr viel zu tun haben. Eine solche DVD enthält dann entweder einen Spielfilm oder viele Folgen einer Serie. Da Serien inzwischen praktisch nicht mehr enden, sondern munter weiter produziert werden, passt nur eine Staffel oder neuerdings “Season” auf eine solche Scheibe. Um die Anhänger, die offenbar auch auch die mäßigste Serie hat, beim Schwärmen zu entlasten, haben die Sendungen dann auch abgekürzte Titel, so könnte zum Beispiel “DSDSD” heißen “Deutschland Sucht Den Super-Deppen”. Zusammen hieße das
Das sind trübe Zukunftsaussichten, ganz unabhängig von der Wirtschaftslage.
Virtuelle Wandertage
Die Zeit der verstopften Bahnsteige und der sich sprunghaft lautstark füllenden Waggons neigt sich dem Ende zu, die den Schwärmen wissend ausgewichenen Pendler nehmen wieder ihre Stammplätze ein: Der erste Wandertag des Schuljahrs ist auch in der letzten Schule absolviert. Nur: die Bedeutung des Wortes Wandertag hat sich gewandelt.
Zu meiner Schulzeit war ja der Name noch Programm. Am Wandertag wurde nämlich gewandert. Nachdem die Nahziele erkundet waren, wurden wir in den höheren Klassen der Volksschule sogar mit nie da gewesenem Luxus konfrontiert: einem Reisebus, der etwa eine halbe Stunde lang in als unermesslich empfundene Weiten fuhr, um uns dort dem Wander- und Besichtigungsprogramm sowie dem Wortschwall des Lehrers zu überlassen.
Offenbar bedeutet inzwischen “Wandern” etwas anderes. Nur so kann ich mir erklären, dass die Klassen mittlerweile am Wandertag oft, wenn nicht gar überwiegend Kinos, Spaßbäder, Freizeitparks, Minigolf-Anlagen oder Kegelbahnen aufsuchen. Ich gestehe ja gerne zu, dass - wenn man das Kino außen vor lässt - auch hier ein Mindestmaß an körperlicher Betätigung stattfindet und das Gemeinschaftsgefühl profitiert. Aber die Lage und Funktion der entsprechenden Institutionen ist sicher auch ohne schulische Unterstützung bekannt, was man von dem von uns damals besuchten Münster, das früher ein Kloster beherbergte, bezweifeln darf. Sicher kann man den Ortsnamen bei plötzlichem Bedarf (der etwa durch eine Quizsendung hervorgerufen wird) auch der Suchmaschine des Vertrauens vorwerfen, sich einige Luftbilder des Ortes ansehen. Damit ist die Wanderung ins Virtuelle entrückt…
Flaschensammler
Was war das nicht für ein Geschrei, als das Zwangspfand für Kunststoff-Flaschen eingeführt wurde. Inzwischen regt sich nicht wirklich noch jemand darüber auf (von den kniffligen Kriterien, was denn immer noch pfandfrei sein darf, abgesehen), es gibt sogar echte Nutznießer des Konzepts, die Flaschensammler. Flaschensammler sammeln solche Flaschen ein, die von bequemen Zeitgenossen (im Folgenden “Flaschenspender” genannt) nicht zurück gegeben wurden und kassieren ihre 25 Cent pro Flasche, was die Plastikflaschen ebenso wie beim Einkauf attraktiver erscheinen lässt als die Glasflaschen, die bei deutlich höherem Gewicht nur 7 Cent einbringen.
Einerseits begrüße ich jedes Engagement für den Umweltschutz und wenn dies auch noch mit einer Art freiwilliger Sozialabgabe durch die Flaschenspender gekoppelt ist, warum nicht?Andererseits erinnert der Vorgang frappant an das Durchsuchen von Müllkippen, wie es von Kindern in Entwicklungsländern berichtet wird - ist das in Deutschland wirklich nötig?
In dieser Reihenfolge habe ich die verschiedenen Unterarten kennen gelernt:
- Der U-Bahn-Sammler klappert die Abfalleimer von U-Bahn-Stationen ab. Mit einer einzigen Fahrkarte kann man das für die Verkehrsknoten, mit einer Tageskarte gar systematisch angehen. Einen besonders motivierten Sammler habe ich dieser Tätigkeit trotz schwerer Sehbehinderung nachgehen sehen, der Schauder war ganz meinerseits.
- Der Fernreise-Sammler durchkämmt Züge der Deutschen Bahn. Die großen Abfallbehälter am Wagenende liegen anscheinend nicht im bequemen Radius des Flaschenspenders oder sind unbekannt, wogegen die leicht erreichbaren am Sitz nicht einmal ein kleines Fläschchen fassen. Problematisch ist die begrenzte Aufenthaltsdauer der Züge im Bahnhof und sicher auch die Tatsache, dass die im Dezember wieder steigenden Bahnpreise auch ohne Bedienungszuschlag weniger vom Reise-Etat für Getränke übrig lassen.
- Profi-Sammler: Der Zweig der Müllabfuhr, der sich mit dem Einsammeln der gelben Säcke befasst (das hiesige Verfahren, um die Verpackungen mit dem “grünen Punkt” zu entsorgen), hat ebenfalls entdeckt, dass sich das nachträgliche Aussondern der Pfandflaschen lohnt und diesen Arbeitsschritt in das Aufladen der Säcke integriert. Ob dies zur Reduktion der Müllgebühren oder zur persönlichen Einkommensaufbesserung geschieht, sei dahingestellt.
- Der Kurpromenadensammler: Hier verbindet sich der Sammelvorgang mit einem ausgedehnten Spaziergang. Je nach Länge der Promenade kann es erforderlich sein, sich Proviant einzupacken, um sich bei einem kleinen Päuschen für den Rückweg zu stärken, der dann fast ausschließlich der Erholung dienen kann.
- Kommerzsammler: Diese Spezies habe ich auf einem Autobahnrastplatz beobachtet. Die dortigen Großcontainer haben zwar nur einen Einwurfschlitz, aber mit der passenden Ausrüstung, hier einem Teleskopgreifer, kann auch diesen erschwerten Bedingungen begegnet werden. Prinzipiell wäre die Ausbeute sicher auch noch durch Einsatz eines endoskop-artigen Gerätes, das verbesserte Sichtungsmöglichkeit mit Beleuchtung und Greifer kombiniert, zu steigern. Bei den derzeitigen Benzinpreisen und den Entfernungen zwischen den Rastplätzen wundert mich doch, dass das Verfahren rentabel ist, aber vielleicht beschränkt sich die Tätigkeit ja auf die Hauptreisezeiten.
Meiner Beobachtung nach hat der Getränkekonsum in der Öffentlichkeit hat natürlich insgesamt in den letzten Jahren erstaunlich zugenommen, was sicher nicht nur auf die globale Erwärmung zurückzuführen ist, oder auf die Appelle von Gesundheitsaposteln, mehr Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Vielleicht ist das Nuckeln an der Flasche ein Ersatz für das verbotene Rauchen oder dient dem Befeuchten der Sprechorgane nach ausgedehnter Mobilkommunikation?
Ist Englisch gleichbedeutend mit Computer-Fachvokabular?
Im Englischen sind vermeintliche Fachbegriffe aus dem Computer-Umfeld gar keine, “Mail”, “Window”, “Button”.
Bis auf einzelne Felsen in der Brandung, wie Bildschirm, Tastatur, Maus und Festplatte, haben sie sich trotzdem in vielen Fällen durchgesetzt.
Das bringt einige Probleme mit sich…
Die Probleme sind:
- Beim Genus ist man häufig auf sich allein gestellt: heißt es “der”, “die” oder “das” Task?
Meine Theorie ist, dass sich der Artikel oft - wenn nicht gar meistens - nach dem verdrängten deutschen Substantiv richtet, daher “die” Mail (Post), “das” Window (Fenster), “der” Button (Knopf), “die” CPU (Zentraleinheit), “die” Hardcopy (Kopie) und eben auch “die” Task (Aufgabe).
- Die Beugungsformen sind nicht trivial, wie man schon bei der Mehrzahl zum Hauptwort “Handy” sieht.
Beim Partizip wird es richtig abenteuerlich, weil mehrere Sprachgrenzen zu queren sind: Wenn man einen Download erfolgreich durchgeführt, kommen (deutsche Teile in Großbuchstaben) “downGEloaded”, “downGEloadET” und “HERUNTER GELADEN” in Frage; für Dateien, die man so im Internet ablegt, dass auch andere darauf zugreifen können, habe ich schon “GEsharT” entdeckt - grauenhaft. “GErippT” für den Vorgang, von einer Musik-CD MP3-Dateien zu erstellen, fällt in die selbe Kategorie.
- Jegliches Regulativ fehlt; ist ein neues Wort wirklich sinnvoll oder gibt es schon etwas Passendes?
Kürzlich bin ich über das Wort
Leecher
gestolpert, das die Teilnehmer eines Tauschdienstes beschreiben soll, die nur nehmen ohne etwas beizutragen. Es kommt vonleech
, dem Wort für Blutegel, das einem in heutiger Literatur nicht gerade oft begegnet. Deswegen halte ichSchmarotzer
für weit überlegen: leicht zu verstehen, trifft genau. Einzug in die deutsche Wikipedia hat “leechER” bzw. “leechEN” natürlich trotzdem gehalten: Geht ja ganz schnell, das kann jeder. Die Kehrseite: weil man es in der Wikipedia findet, ist das Wort als existent geadelt; ist es also unnötig, auch nur einen Gedanken an Alternativen zu verschwenden?
Selbstversuch: Man kann zum Browser Firefox ein stark eingedeutschtes Sprachpaket herunterladen. Nach wenigen Tagen kam es mir gar nicht mehr komisch vor, statt eines Cookie
einen Keks
angeboten zu bekommen und Randfenster
ist deutlich griffiger als side bar
.
Klar, für ein paar Begriffe gibt es keine richtig naheliegenden Entsprechungen: für Icon
kann zwar Symbol
sagen, aber hat damit einem Fremdwort mit vielen Bedeutungen noch eine weitere aufgehalst; also Bildchen
?
Was ist mit Browser
oder (USB-)Hub
?
Der Verein für deutsche Sprache startet immer wieder Wettbewerbe, um für schwierigere Kandidaten deutsche Entsprechungen, gerne auch frisch geprägt, zu suchen. Klapprechner
statt Laptop
halte ich für ein Paradebeispiel, es fügt sich wunderbar in die Reihe Taschenrechner
(kein Mensch sagt hierzulande Pocket Calculator
), Tischrechner (die mit der Papierrolle) und einfach Rechner
(statt Computer
oder gar PC
[sprich “Pee-Zeh”]).
Dass Englisch auch kein Allheilmittel ist, sieht man an den kleinen Teilen, die ein paar Gigabyte und einen USB-Stecker mitbringen: heißen die nun memory drive
, flash drive
, USB drive
oder ganz anders? Ein bisschen problematisch ist, dass drive
für Laufwerk oder Antrieb steht, während die Teile doch gerade den Vorzug haben, ohne Mechanik auszukommen. Zugegeben, Speicherstöpsel
hat sich bisher auch noch nicht durchgesetzt…
Gleise und Ansagen
Im steten Bemühen um etwas noblere Atmosphäre in Bummelzügen und Eilzügen, die momentan Regionalbahnen und Regionalexpresse heißen dürfen, werden dort und an den Bahnsteigen auch die Durchsagen immer zahlreicher und den Verkündungen im Flugzeug ähnlicher.
Das Team der Regio Bayern begrüßt die Fahrgäste freundlich und bringt vor der Ankunft in größeren Bahnhöfen neben ein paar Anschlusszügen (die oft zu “Reisemöglichkeiten” geadelt werden) noch den Tipp zu Gehör, auch auf Aushänge und Lautsprecherdurchsagen am Bahnsteig zu achten. In modernen Doppelstock-Wagen wird die Ansage des Dienstpersonals dann noch durch die eines geschulten Sprechers ergänzt; weil diese vom Band kommt, beginnt sie mit einem melodischen Gong, dafür fehlen ihr aber jegliche Details über den demnächst erreichten Ort hinaus. Den Abschluss bildet dann die Ansage - der Geräuschkulisse nach direkt aus dem Maschinenraum - der Ausstieg befinde sich in Fahrtrichtung links.
Mein Favorit ist allerdings die erst gestern wieder erfolgte Ansage am Bahnsteig, die Regionalbahn nach Sonneberg träfe aufgrund einer Verzögerung im Betriebsablauf erst 10 Minuten später ein, die gelegentlich noch mit “Wir bitten um etwas Geduld/ Ihr Verständnis” verziert wird. Vielleicht erwarte ich von der Vokabel “aufgrund” zu viel, aber dass ein Zug wegen einer Verspätung später kommt, erscheint mir nicht als bemerkenswerte Erkenntnis. Andererseits scheinen solche Durchsagen aus weit entfernten Zentralen ja bevorzugt dann zu erfolgen, wenn aufgrund eines durchfahrenden Zuges auf dem Nachbargleis ohnehin nur Bruchstücke verstanden werden können, damit mag die missglückte Begründung als eine andere Form der Wiederholung dienen.
Das Wort “Gleis” ist mir unlängst in Wagners Oper “Die Meistersinger von Nürnberg” begegnet; dort heißt es im 2. Akt, 2. Szene:
Meine Vermutung, es handle sich hier um einen Anachronismus, weil damals noch keine Eisenbahnen existierten, wurde aber durch Grimms Wörterbuch widerlegt: Gleise bezeichnete zuvor die Spuren, die Wagenräder auf den Wegen hinterließen.
Heines 210. Geburtstag
Wer meint, dass die von Horst Köhler gescholtenen hohen Manager-Gehälter ein ganz aktuelles Problem seien, irrt. Heinrich Heine, dessen Geburtstag sich heute zum 210. Male jährt, belegte vor über 150 Jahren das Gegenteil.
Weil es außerdem so gut zu dem Schwall an Spendenaufrufen passt, der jährlich vor dem Fest der Liebe die Briefkästen flutet, möchte ich hier aus den Nachgelesenen Gedichte von 1845 - 1856 zitieren:
Gott versah uns mit zwei Händen,
Dass wir doppelt Gutes spenden;
Nicht um doppelt zuzugreifen
Und die Beute aufzuhäufen
In den großen Eisentruh’n,
Wie gewisse Leute tun -
(Ihren Namen auszusprechen
Dürfen wir uns nicht erfrechen -
Hängen würden wir sie gern.
Doch sie sind so große Herrn,
Philanthropen, Ehrenmänner,
Manche sind auch unsre Gönner,
Und man macht aus deutschen Eichen
Keine Galgen für die Reichen.)
Den Rest des vergnüglichen Gedichtfragments “Zur Teleologie” können Sie hier nachlesen.
Welche Generation hat Technik-Probleme?
Das Reisen in öffentlichen Nahverkehrsmitteln bildet - ein Beispiel
Vorletzte Woche im Bus: Eine Studentin mokiert sich, dass sie von Ihrer Mutter, die derzeit in den USA weilt, mitten in der Nacht eine SMS erhalten habe, mit dem sensationellen Inhalt, dass diese jetzt “shoppen” gehe. Nun kann man das als Anzeichen dafür nehmen, dass besagte Mutter sich über den Zeitunterschied im Unklaren gewesen ist (und soweit der Studentin zustimmen) oder die Laufzeit solcher Nachrichten unterschätzt hat. Allerdings stehen auch zwei weitere Schlussfolgerungen im Raum:
- Schade um die Gebühren
- Wer seiner Erreichbarkeit so hohen Stellenwert einräumt, dass er sein eingeschaltetes Spiel- und Telefonierzeug auch nächtens in Hörweite lagert (worüber sich Akkuproduzenten und Stromlieferanten freuen), darf sich nicht beschweren, wenn es seiner Funktion nachkommt.
Ein - hoffentlich verstecktes - Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen bei der Vorstellung, für solch eine wertvolle Nachricht aus dem kostbaren Nachtschlaf gerissen worden zu sein.